Ludwig-Maximilians-Universität, Chair of Metabolic Biochemistry
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"Das Problem ist gigantisch"

SPIEGEL Online

23.06.2009

Die Lebenserwartung steigt und damit auch die Zahl der Fälle von Alzheimer und Demenz: Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) soll verhindern, dass Demenz zur Volkskrankheit wird. Zur Eröffnung sprach Pierluigi Nicotera, Chef des DZNE, mit SPIEGEL ONLINE.

Spiegel OnlineSPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn es im Kampf gegen neurodegenerative Krankheiten keine durchgreifenden Erfolge gibt?

Nicotera: Das wäre dramatisch, vor allem menschlich, aber auch wirtschaftlich. Schon heute leiden in Deutschland rund 1,2 Millionen Menschen an einer Demenzerkrankung, also zum Beispiel Alzheimer. Mehrere zehntausend Menschen sind von der Parkinson-Krankheit betroffen. Der Segen der steigenden Lebenserwartung der Menschen bringt leider mit sich, dass die Zahl der von Demenzerkrankungen Betroffenen dramatisch zunimmt. Kann der medizinische Fortschritt hier keine Abhilfe bereitstellen, könnten 2050 bis zu vier Millionen Deutsche demenzkrank sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde das die Gesellschaft verändern?

Nicotera: In den USA gibt es Prognosen, dass 2050 zur Pflege aller Demenzkranken das gesamte heutige Volkseinkommen aufgewandt werden müsste. Zwar wird die Wirtschaft bis dahin wohl erheblich wachsen, aber die Dimension ist gewaltig. Ähnlich wäre die Situation in Deutschland. Die menschenwürdige Pflege so vieler Demenzkranker würde die Gesellschaft auch wirtschaftlich überfordern. Mehrere Millionen Erkrankte bei einer gealterten und geschrumpften Bevölkerung - diese Last wäre extrem schwer zu tragen. Kommt es so, würde das die gesamte Gesellschaft betreffen und verändern. Einerseits will man den Demenzkranken eine menschenwürdige Pflege zuteil werden lassen, andererseits gibt es einen unglaublichen Rationalisierungsdruck.

SPIEGEL ONLINE: Was kann das DZNE dafür tun, dass es nicht so weit kommt?

Nicotera: Unser Zentrum wird europaweit einmalig sein, sowohl von der Größe her als auch von der Breite der Forschungsansätze. Mit 400 bis 500 Wissenschaftlern und einem Budget, das von 40 Millionen Euro auf bis zu 66 Millionen Euro steigen wird, sind wir bestens ausgestattet. Wir wollen in der Region Bonn und an sieben anderen Standorten das ganze Forschungsspektrum abdecken, von den Mechanismen im Gehirn bis zur Verbesserung der Patientenpflege. Das Hauptziel ist natürlich, effiziente medizinische Waffen gegen neurodegenerative Krankheiten zur Verfügung zu stellen, aber zugleich wollen wir auch den heute Betroffenen und ihren Familien helfen. Das Problem ist so gigantisch, dass wir keine Zeit verlieren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll die konkrete Hilfe aussehen?

Nicotera: Wir wollen in Bonn eine Tagesklinik für Demenzkranke aufbauen, in der ihnen die bestmögliche Behandlung zuteil wird. Zudem bieten wir für Betroffene und Angehörige einen 24-Stunden-Informationsdienst an, bei dem die Menschen Rat für ihre konkrete Situation bekommen können. Mit Forschung wollen wir auch den Übergang von der häuslichen Pflege ins Pflegeheim verbessern. Wir wollen auch niedergelassenen Ärzten die bestmöglichen Informationen zur Verfügung stellen und werden deshalb ein bundesweites Informationszentrum für neurodegenerative Erkrankungen schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Wird in der Tagesklinik auch geforscht?

Nicotera: Natürlich, das ist eine große Chance. Wir können, während wir die Patienten begleiten, wichtige Erkenntnisse über den Verlauf der Krankheit gewinnen, auch durch regelmäßige Kernspin-Aufnahmen des Gehirns. Zudem kann das DZNE an der "Helmholtz-Kohorte" teilnehmen. Das ist eine auf mehr als zehn Jahre angelegte bundesweite Bevölkerungsstudie, die rund 200.000 Personen umfassen soll. Dies wollen wir ergänzen durch ein nationales Register für Demenzerkrankungen. Ein solches Register könnte entscheidend dazu beitragen, die Zahl der Erkrankungen und ihren Verlauf genauer verfolgen zu können. Die bisher vorliegenden Daten stammen vor allem von Krankenkassen und sind nicht aussagekräftig genug. Sie müssen optimiert und aufeinander abgestimmt werden.

SPIEGEL ONLINE: Dem DZNE als einem von 16 nationalen Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft sind Institute in ganz Deutschland zugeordnet. Was soll das bringen?

Nicotera: Diese Institute sind uns nicht zugeordnet, vielmehr sind wir ein einziges großes Zentrum mit acht Standorten. Dieses neue Konzept ermöglicht es uns, den besten Sachverstand im ganzen Land zu mobilisieren und die klassische Trennung von Helmholtz-Gesellschaft und Hochschulen aufzuheben. So werden zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität München die molekularen Mechanismen von Alzheimer erforscht, an der Universität Magdeburg werden neuronale Netze erkundet, in Greifswald und Rostock steht die konkrete Versorgung älterer Demenzpatienten im Fokus der Forschung, dort ist auch das Max-Planck-Institut für demografische Forschung eingebunden. Wir verbinden die verschiedenen Partner zu einem großen Ganzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beginnen von ganz vorne. Wie schwierig ist es da, die besten Wissenschaftler des Feldes zu rekrutieren?

Nicotera: Damit haben wir schon begonnen, denn es ist entscheidend, dass wir rasch eine kritische Größe bekommen. Wissenschaftlern ist es enorm wichtig, dass im Nachbarlabor ein weiterer großartiger Forscher arbeitet, mit dem man sich austauschen kann. So funktioniert das in Harvard, und so soll das auch bei uns sein. Und unsere Erfahrung der ersten Monate zeigt, dass ein enorm großes Interesse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt besteht.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer ist es, Wissenschaftler aus dem Ausland nach Deutschland zu locken?

Nicotera: Unsere Bemühungen richten sich auf herausragende Wissenschaftler innerhalb und außerhalb Deutschlands gleichermaßen. Sehr gute Chancen rechnen wir uns auch bei Deutschen aus, die wir etwa aus den USA zurück nach Deutschland holen könnten. Im Unterschied zu den USA und der Schweiz sind in Deutschland bei der Rekrutierung von wissenschaftlichem Personal aber eine ganze Reihe von Regelungen zu beachten, die das Verfahren nicht immer vereinfachen. Die in Deutschland vieldiskutierte Wissenschaftsfreiheitsinitiative könnte hier einiges bewegen.

Responsible for content: Christian Schwägerl, Spiegel Online