Ludwig-Maximilians-Universität, Chair of Metabolic Biochemistry
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"Dem Verfall auf der Spur"

Klinikum aktuell

07.04.2009

Published in "Klinikum aktuell", a news magazine of the university hospital in Munich, this article gives an overview of our current state. It shows how the upcoming DZNE ensures dementia research at LMU ready for future challenges. The article argues that development of modern techniques in this field of science requires teamwork and interdisciplinary co-operation.
 

NZZ onlineBei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson sterben Nervenzellen ab. Ein neues Demenzzentrum bündelt die Aktivitäten an der LMU

Demografen malen ein düsteres Bild: In absehbarer Zeit steht die Alterspyramide auf dem Kopf, und Menschen im Renten alter stellen zahlenmäßig die größte Bevölkerungsgruppe. Zunehmen wird damit auch die Zahl der Patienten, die an einer neurodegenerativen Erkrankung leiden. Unter diesem Fachbegriff sind Erkrankungen des Nervensystems zusammengefasst, die meist im späteren Lebensalter auftreten und bei denen es zum Verlust von Nervenzellen und damit verbundenen neurologischen Symptomen kommt. Die beiden bekanntesten neurodegenerativen Erkrankungen sind Alzheimer und Parkinson.

Weltklasse in der Alzheimer-Forschung

Im letzten Jahr wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Bonn das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) gegründet. Dem Kernstand ort werden sechs Partner- Institute zur Seite gestellt. Neben Göttingen, Magdeburg, Tübingen, Witten und Mecklenburg ist München einer der Satelliten. „Die Grundlagenforschung zur Alzheimer-Krankheit hat an diesem Standort Weltniveau. Sie wird den nationalen Verbund daher wesentlich verstärken“, schrieb das Ministerium in einer Presseerklärung.

Vier neue Lehrstühle und pro Jahr 5,3 Millionen Euro

Pionier der Alzheimerforschung an der Ludwig- Maximilians-Universität ist Prof. Dr. Christian Haass, Ordinarius für Stoffwechselbiochemie am Adolf- Butenandt-Institut, dem der Zuschlag für München zu verdanken ist. Der Satelliten-Status bedeutet für die Forschung in München pro Jahr 5,3 Millionen Euro. „Es wird vier neue Lehrstühle geben, zwei für die klinische Anwendung und zwei für die Grundlagenforschung“, berichtet Haass. „Zudem werden zwei bis drei Nachwuchsforschergruppen sowie einer Reihe von Central Facilities eingerichtet.“

Einmaliges Netzwerk der Forschung in Europa

Durch das neue DZNE soll ein in Europa einmaliges Netzwerk auf dem Gebiet der Demenzforschung entstehen. Dafür engagiert sich auch der Freistaat Bayern, der in ein neues Demenz zentrum investiert, das auf dem Campus Großhadern in Martinsried entsteht. Das Zentrum wird 2012/13 fertig sein, bis dahin werden Interimsflächen in der Nähe des Klinikums angemietet. „Das ist eine tolle Perspektive“, so Prof. Dr. Haass. „Wir konnten München zum führenden Standort der Alzheimer- Forschung machen. Wir haben hier bereits den einzigen Sonderforschungsbereich der DFG (SFB 595 Molekulare Mechanismen der Neurodegeneration) auf diesem Gebiet. Auch der DFG Forschungsschwerpunkt „Zelluläre Mechanismen der Alzheimererkrankung“ wurde von München aus initiiert und koordiniert.

Münchner Experten forschen weltweit

Viele Stellen bundesweit sind daher mit Wissenschaftlern aus unserem Münchner Forschungsschwerpunkt besetzt (z.B. die Professoren Walter, Behl, Gasser, Kahle, Baumeister, Garaschuk). Diese erfolgreiche Arbeit wollen wir weiter fortsetzen und ausbauen“.

Das ist neu in der Alzheimer-Forschung

Alzheimer ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung des hohen Alters. Sie ist durch eine sich schleichend entwickelnde Funktionsstörung des Gehirns gekennzeichnet, bei der Nervenzellen langsam, aber stetig fortschreitend zugrundegehen. Dadurch wird im Verlauf der Erkrankung zunehmend die Hirnleistung beeinträchtigt – besonders im Bereich des Gedächtnis-, des Orientierungs- und des Urteilsvermögens. Diese Störungen der Hirnfunktion wurden bisher allgemein durch die Aktivitätsabnahme in Nervenzellen sowie durch den Abbau der Nervenzellkontakte erklärt. Aktuelle Untersuchungen liefern nun erstmals konkrete Informationen über die Funktionsstörungen der Nervenzellen im erkrankten Gehirn. „Der Mechanismus, der die Nervenzelle absterben lässt, ist bis heute unklar“, sagt Prof. Dr. Christian Haass. Doch durch den Einsatz neuartiger Mikroskopie- Methoden im Mausmodell kann inzwischen die Aktivität von Nervenzellen im erkrankten Gehirn direkt beobachtet werden. Ermöglicht wurden die Messungen durch die Verwendung spezieller Fluoreszenzfarbstoffe, deren Leucht - intensität entsprechend der Zellaktivität zunimmt.
Dieses Wissen ist das Ergebnis der Arbeitsgruppe unter der Leitung der Professoren Arthur Konnerth und Olga Garaschuk, die darüber auch im renommierten Magazin „Science“ publizierten. Die Untersuchungen bestätigen teilweise frühere Vermutungen, dass bei Alzheimer die Nervenzellaktivität abnimmt. Überraschend war jedoch, dass bei einem Teil der Hirnzellen eine massive Zunahme der Aktivität beobachtet wurde. Die „hyperaktiven“ Hirnzellen befinden sich immer in unmittelbarer Nähe von amyloiden Plaque-Ablagerungen, einem der Hauptmerkmale der Alzheimer- Krankheit. Die hyperaktiven Hirnzellen sind dabei häufig synchron aktiv. Diese Beobachtung liefert einen Erklärungsansatz für die erhöhte Neigung mancher Alzheimer Patienten zu epileptischen Anfällen.
Das Projekt wurde im Rahmen des Sonderforschungsbereichs (SFB) 596 „Molekulare Mechanismen der Neurodegeneration“ durchgeführt. Professor Christian Haass, der auch dem Exzellenzcluster „Center for Integrated Protein Science Munich (CIPSM)“ angehört, ist zudem Sprecher des SFBs. Schwerpunkt der Untersuchungen in diesem Forschungsnetzwerk sind die Prozesse, die bei der Entstehung und dem Verlauf der Alzheimer-, der Parkinson- Krankheit sowie anderen wichtigen Demenzerkrankungen eine Rolle spielen. „Die Ergebnisse dieser Analysen sind oft für mehr als eine Erkrankung relevant“, berichtet Haass. „Denn viele neurodegenerative Leiden zeigen ein gemeinsames Merkmal: die Ansammlung und Ablagerung des unlöslichen Amyloid-Proteins – das letztlich zum Tod benachbarter Neuronen führt. Ich denke, dass unsere gemeinsamen Anstrengungen das Verständnis zu den Mechanismen der Neurodegeneration weit voranbringen werden. Zusammengenommen sind diese Leiden ein zunehmend größer werdendes Problem für unsere Gesellschaft, nicht zuletzt auch für unser Gesundheitssystem.
Eine derartige Herausforderung kann sicher nicht im Alleingang bewältigt werden, sondern nur in der engen und interdisziplinären Zusammenarbeit hochspezialisierter Forscher.“

Responsible for content: Prof. Dr. Christian Haass; Klinikum aktuell